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Alzheimer-Patienten: 'Heute schlecht versorgt, künftig noch schlechter'
(veröffentlicht von Redaktion)

Pressespiegel

20.12.2005 - 12:23 Uhr

Leipzig (ots) - 1,2 Millionen sind es heute - mindestens doppelt so viele werden es in dreißig Jahren sein: Demenzkranke in Deutschland. Die Alzheimer-Krankheit ist mit 70 Prozent der Fälle die häufigste Form der Demenz. Jürgen Fliege, Schirmherr der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, diskutierte in Berlin mit Experten aus Medizin, Ökonomie und Selbsthilfe, ob die Behandlung der Alzheimer-Patienten in Deutschland noch möglich ist.

"Die Hauptlast tragen die Familien"


Heike von Lützau-Hohlbein, erste Vorsitzender der Deutschen Alzheimer Gesellschaft: "80 Prozent der Pflege decken heute die Familien ab." Von den etwa 18 Mrd. Euro Kosten der Alzheimer-Krankheit tragen Angehörige über 12 Mrd. Euro. Auch wenn eine kausale Therapie noch nicht möglich sei, könne Alzheimer-Demenz durch intelligente, medikamentöse Behandlung gut therapiert und die Lebensqualität der Betroffenen lange erhalten bleiben, so Professor Dr. Rainer Hellweg, Leitender Direktor des Instituts für Psychiatrie und Soziale Psychiatrie an der Charité Berlin.

"Medikamentöse und nicht-medikamentöse Angebote unbedingt ausbauen!"

Professor Hellweg gibt zu Bedenken, je mehr die Gesellschaft altere, desto drängender werde das Problem. "Bessere medizinische Behandlung und geringere Sterblichkeit - das bedeutet einfach: mehr Demente." Dr. Frank-Ulrich Fricke, Gesundheitsökonom aus Nürnberg, betonte, auch wenn eine vollständige Kostenübernahme durch Pflege- und Krankenkassen unmöglich sei, müssten die Familien stärker unterstützt werden: "Medikamentöse und nicht-medikamentöse Angebote müssen erheblich ausgebaut werden." Zurzeit werden nur 13 Prozent der Kassen- und 25 Prozent der Privatpatienten mit in den Leitlinien empfohlenen Medikamenten versorgt. Anerkannt und erprobt ist die Gabe von Acetylcholinesterase-Hemmern (AChE-Hemmer), welche die Alltagsfähigkeit und Selbstständigkeit der Patienten lange erhalten. Knapp die Hälfte der Angehörigen weiß nicht einmal, dass es diese medikamentösen Therapien gibt.

"Demenz wie jede andere Krankheit auch behandeln!"

Heike von Lützau-Hohlbein kennt die Probleme aus ihrer eigenen Familie, ihre Mutter und Schwiegermutter leiden unter Alzheimer: "Die Pflegeversicherung deckt lediglich die körperliche Pflege speziell in den späten Phasen der Alzheimer-Demenz ab." Für andere Krankheiten gebe es klare Versicherungsleistungen, die anstandslos bezahlt würden. Die frühe Versorgung der Demenz falle nicht in den Rahmen der Pflegeversicherung. Für die Angehörigen werde die Betreuung von Jahr zu Jahr schwieriger, da immer mehr Ältere die Noch-Älternen pflegen müssten.

Die Erkrankung könne 30 bis 40 Jahre dauern, in dieser Zeit laufen die degenerativen Prozesse im Gehirn der Patienten ab, so Professor Hellweg. Doch die frühe Diagnose sei schwierig und nur von Spezialisten zu leisten. "Demenz muss wie jede andere Krankheit auch behandelt werden!" Noch sei sie aus dem Leistungsspektrum quasi ausgeblendet.

Andreas Reidl, Geschäftsführer der Stiftung "Dialog der Generationen": "Wir leben in einer Gesellschaft des langen Lebens.Erstmals ist in Deutschland ein solches Maß an Hochaltrigkeit zu erleben, das gab es so noch nicht. Die Lösung wird von den Betroffenen meist selbst organisiert." Dazu zählten Wohngemeinschaften und die Entwicklung alternativer Wohn- und Lebensformen. "4.500 spezielle Einrichtungen für Demenzkranke gibt es schon in Deutschland."

Medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlung: "Sinnvoll und notwendig"

87 Prozent der Alzheimer-Erkrankten werden nicht leitliniengerecht mit entsprechenden Medikamenten behandelt. Dr. Fricke ergänzte, die gesetzliche Krankenversicherung setze bewusst oder unbewusst Anreize, bei Alzheimer eher zu rationieren und die Mittel anderen Patienten zukommen zu lassen. "Die Alzheimer-Patienten sind ein schnelles und leichtes Opfer dieser Praxis. Bettlägerig und nicht mehr selbstständig - so sieht ein kostengünstiger Fall aus."

Professor Hellweg: "Der Anspruch auf Behandlung, medikamentös und nicht-medikamentös, ist aus medizinischer Sicht gerechtfertigt, sinnvoll und notwendig." Eine Nicht-Behandlung gleiche einem Kunstfehler. Heike von Lützau-Hohlbein: "Die Kassen reagieren auf die Gesellschaft, die nach dem Motto lebt: Da kann man sowieso nichts machen. Hausärzte wenden die Leitlinien nicht an, weil die Behandlung nicht bezahlt wird. Der Arzt verschreibt die Medikamente und stellt die Diagnose nicht, weil der Aufwand nicht erstattet wird. Die Familien haben dann das Gefühl: Uns wird nicht geholfen."

"Wir alle brauchen Hilfe!"

Andreas Reidl: "Die Medien sind gefordert. Wir brauchen neue gesellschaftliche Leitbilder, die der Aufklärung dienen und deutlich machen, dass langes Leben ein großes Geschenk ist." Professor Hellweg meint: "Die Politik muss helfen. Nicht weil sie viel bewegen kann. Aber das Problem ist so groß, dass wir es ohne sie nicht bewältigen können. Hier ist Ehrlichkeit und Umdenken bei Kranken- und Pflegeversicherung und Politik gefragt. Wir können nicht länger so tun, als ob jeder eine adäquate Behandlung erhalten könne." Und Heike von Lützau-Hohlbein ergänzt: "Wir alle sind gefragt, denn das Wissen um Demenz muss in der ganzen Gesellschaft wachsen. Ich richte die Bitte um Hilfe an jeden Menschen in Deutschland!"

Über Alzheimer-Demenz

Zum Formenkreis der Demenz werden 55 Krankheiten gezählt, die Alzheimer-Krankheit ist mit 72 Prozent die häufigste (zum Vergleich: Parkinson-Krankheit etwa 7 Prozent). Die Ursache ist bis heute unbekannt. Folge sind Degenerationsprozesse im Gehirn, bei denen Nervenzellen zugrunde gehen. Vergesslichkeit, Verwirrung, Orientierungslosigkeit und letzten Endes die vollständige Aufgabe eines selbst bestimmten Lebens sind die Folgen.

Die Alzheimer-Krankheit ist bisher nicht heilbar, durch Medikamente kann jedoch das Fortschreiten der Symptome verzögert werden. Bei Demenzkranken lassen etwa das Denkvermögen und die Erinnerungsfähigkeit nach, weil die Verfügbarkeit von Acetylcholin verringert wird. Medikamente wie Acetylcholinesterase-Hemmer (z. B. Donepezil oder Galantamin), die im frühen bis mittleren Stadium eingesetzt werden, hemmen das Enzym Cholinesterase, welches das Acetylcholin abbaut, und steigern so die Konzentration des Botenstoffes im Gehirn. Denken und Erinnern der Erkrankten wird verbessert - bis zu einem Jahr sind sie länger selbstständig. Im mittleren bis fortgeschrittenen Stadium sind Wirkstoffe zugelassen, die den Botenstoff Glutamat beeinflussen und so kognitive Defizite mindern. Damit wird vor allem eine Verbesserung der alltäglichen Fähigkeiten erreicht. Für die Wirksamkeit sozio- oder psychotherapeutischer Maßnahmen sprechen zurzeit nur die Erfahrungen der Betroffenen - wissenschaftliche Studien dazu gibt es nicht.

Weitere Quellen und Informationen:

"Defizite in der Arzneimittelversorgung in Deutschland" - Studie im Auftrag des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller durch die Fricke&Pirk GmbH, Oktober 2004 - http://www.vfa.de/

Repräsentative Studie "Verhaltensauffälligkeiten im Alter" von tns emnid im Juni 2004

4. Altenbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend "Vierter Bericht zur Lage der älteren Generation", 2002 - http://www.bmfsfj.de/

Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Zusammenschluss von 77 Mitgliedsorganisationen in Deutschland - http://www.deutsche-alzheimer.de/

Alzheimer Forschung Initiative: Gemeinnütziger Verein zur Förderung der Alzheimer-Forschung - http://www.alzheimer-forschung.de/

Kompetenznetz Demenzen: Vom Bundesforschungsministerium gefördertes Forschungsnetzwerk von 14 universitären Einrichtungen - http://www.kompetenznetz-demenzen.de/

Pressegrafiken sowie Hintergrundinformationen zu Alzheimer-Krankheit und Demenz in Deutschland und Europa sowie zu Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten können angefordert werden bei:

Joachim Kuss
Pleon Kohtes Klewes
Tel.: 0341. 35 00 23 03
Mobil: 0174.38 54 007
E-Mail: Joachim.Kuss@pleon.com


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